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Typisch Norwegisch?

Norwegische Gespräche (Gibt es die?)

(-> Eine freie Übersetzung des Textes "Norske samtaler (Finnes de?)" aus dem Buch "Einen Norweger verstehen und gebrauchen" von Odd Børretzen, welches einen humoristisch-satirischen Einblick in einige angebliche oder tatsächliche Besonderheiten der norwegischen Gesellschaft gibt.)

Abgesehen von einigen besonderen Situationen ist der Norweger von Natur aus eine schweigsame Person. In Norwegen wird daher Schweigsamkeit mit Klugheit verbunden.
Es gibt in der norwegischen Kultur mehrere Redewendungen, in denen diese Einstellung zum Ausdruck kommt: "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold", "Der tiefste Grund hat das stillste Wasser", "Leere Tonnen machen am meisten Krach" und andere.
"Das Norwegische Schweigen" und "Das Norwegische Mistrauen gegenüber Gesprächen und Geplauder" haben, wie die meisten nationalen Besonderheiten, einen historisch-geographisch-klimatischen Hintergrund:
8000 Jahre lang wohnte jeder Norweger für sich in seiner eigenen Höhle, an seinem eigenen Fjord oder auf seinem eigenen Fjell, nur umgeben von seiner eigenen Familie. Mit anderen Worten: 8000 Jahre lang hatte der Norweger niemanden mit dem er sich unterhalten konnte, abgesehen von nahen Verwandten - und über was soll man sich mit denen unterhalten, wenn man mit ihnen 8000 Jahre lang Tag und Nacht zusammen gewesen ist? - Ja / nein.
Deshalb war der Norweger 8000 Jahre lang völlig stumm gewesen.
Im laufe dieser Zeit war er jedoch natürlich nicht frei von einem gewissen Mitteilungsbedürfnis. Wenn dieses Bedürfnis zu stark wurde, ging er hinaus, suchte sich einen flachen Stein und hieb eine Mitteilung in diesen.
Mit den Gerätschaften der damaligen Zeit war es ziemlich mühselig og zeitraubend, Buchstaben, Runen, in den Stein zu hauen. Die Mitteilungen waren deshalb verhältnismäßig kurz: "Ich, Halgrim, hieb in diesen Stein" oder "Ich, Halgrim" oder nur "Ich".
Oder ähnliches.
Nach 8000 Jahren sah der Norweger zum ersten Mal andere Menschen (Nachbarn), diese jedoch über eine sehr lange Distanz - auf anderen Fjellen oder auf der anderen Seite des Fjordes. Er begann sich ihnen mitzuteilen, obgleich dies aufgrund des Abstandes ziemlich kurz gefasst werden musste: "Hau ab".
Er rief z.B. nicht "Ich liebe dich", denn derlei Sachen rufen schüchterne Menschen nicht.
In der Zwischenzeit hatte der Norweger, zu jener Zeit, andere Möglichkeiten gefunden, sich mitzuteilen. Er konnte Ärger oder Wut ausdrücken, indem er nach draußen ging und einen Baum fällte oder große Steine ins Wasser warf *, und wenn er Liebe ausdrücken wollte, konnte er in den Wald gehen, einen Elch oder Bären töten, das Tier auf den Rücken nehmen, es nach Hause tragen und es in der Geliebten Schoß legen.
Das hieß: "Ich liebe dich. Ich werde dich schützen und beschützen und dir und unseren Kindern frischen Essen versorgen in guten und schlechten Zeiten bis das der Tot uns scheidet - und, wenn möglich, ohne daß Norwegen Mitglied der EU wird."
In der heutigen Zeit hat der Norweger nicht die gleichen Möglichkeiten sich mitzuteilen wie damals. Man muss einen Wald sein Eigen nennen um Bäume fällen zu dürfen, der Bär steht unter Naturschutz, währenddessen einen die Liebe auf der anderen Seite zu jeder Zeit im Jahr treffen kann. Einzelne heute lebende Norweger teilen sich deshalb dadurch mit, indem sie auf Ski Grönland überqueren oder in einem Strohkorb über den Atlantik segeln. Die meisten haben jedoch kaum die Gelegenheit für solche Sachen.
Jedenfalls: Eine 8000 Jahre alte Angewohnheit sich mitzuteilen indem man Nachrichten mit einem stumpfen Gegenstand in Stein haut oder über große Abstände gegen den Wind anschreit haben nicht dazu geführt, weder die Fähigkeit für, noch die Lust auf lange Gespräche zu haben.
Außerdem ist es kalt in Norwegen. Bei -20 Grad sitzt man nicht lange in den Straßencafés und führt Gespräche über Kunst, Essen, Käsesorten, Fußball, die jährliche Weinernte, die Liebe oder "den Sinn des Lebens".
Wenn der Norweger seine Meinung über diese oder ähnliche Dinge kund tun will, tut er das zu Hause. Er spricht nicht davon, sondern schreibt darüber ein Buch oder einen Brief und sendet diesen Brief an seine Lokalzeitung.
Norwegen ist das Land auf der Welt, welches die meisten Autoren und Zeitungen hat im Verhältnis zur Einwohnerzahl.
Die jüngsten Analysen des Statistischen Landesamtes zeigen sogar, dass es mehr Autoren und Lokalzeitungen in Norwegen gibt, als das Land Einwohner hat.
* Der norwegischen Küste sind, wie bekannt, Tausende größere und kleinere Steine vorgelagert (Schärengarten). Vermutlich ein Hinweis darauf, daß es in der norwegischen Steinzeit viel Wut und Ärger gab.
Diesen Text stellte mir Herr Schmidt freundlicher Weise zur Verfügung.